Ein Gang mit Willy Becker durch den Burgwald

„Ein alter Baum ist ein Stückchen Leben“, hat Kurt Tucholsky einmal geschrieben. „Er beruhigt. Er erinnert. Er setzt sinnlos heraufgeschraubtes Tempo herab, mit dem man unter großem Geklapper am Ort bleibt.“ Besorgt fragte der Dichter: „Und diese alten Bäume sollen dahingehen, sie, die nicht von heute auf morgen nachwachsen?“

Die Form dieses Baums erinnert an den Kopf eines Elefanten

Elefantenkopf: Ein Elefantenkopf scheint sich aus dieser Buche am „Ottersberg“ zu recken. Nach dem zweiten Weltkrieg war der Baum schon so dick, dass man ihm mit Schrotsägen nichts mehr anhaben konnte.

Viele Bäume hat der Vorsitzende der NABU-Umweltgruppe und Revierförster a. D. Burgwald Willy Becker in seiner mehr als 30-jährigen Dienstzeit im Burgwald „dahingehen“ sehen und geerntet, viele auch nachgepflanzt. Aber er hat im Laufe seines Berufslebens, aus dem er im Oktober 2002 in die Pensionierung verabschiedet wurde, auch einen hellwachen Blick dafür bekommen, welches Wunderwerk solch ein „Ökosystem“ Baum mit all seinen Bewohnern sein kann, wie über Jahrhunderte alte Riesen mit knorrigen Gesichtern heranwachsen und sich zu regelrechten „Baumpersönlichkeiten“ mit ganz individuellem Charakter entwickeln.

Wir begleiten Willy Becker bei einem Gang durch sein ehemaliges Revier am Rand des Burgwaldes zwischen Ernsthausen und Roda. Der Weg führt vom „Fünfkantstein“ bei Wiesenfeld zur mehr als 300 Jahre alten „Napoleonseiche – an ihr zogen nach 1806 die französischen Truppen vorbei. Die im Volksmund später so genannten und an der „Muna“ schon längst gefällten „Napoleonsfichten“ wurden damals erst gepflanzt. Heute nisten in den Astlöchern des Baumveterans Höhlenbrüter wie Specht, Waldkauz oder Fledermaus, und auf der Rinde gedeihen Flechten, Pilze und Algen.

Über die Spechthöhlen in seinem Revier führt Willy Becker sogar Tagebuch. Gerade Bäume mit abgestorbenem Holz und Astlöchern werden besonders geschont und vorsorglich mit besonderen Spechtsymbolen gekennzeichnet. Auch von ungewöhnlich astigen, beuligen Baumexemplaren hält er die Motorsäge fern. „Wir möchten, dass diese Bäume ihre Wirkung auf den Waldbesucher ausüben“, sagt der Forstmann. Und so hat er beispielsweise die wegen ihres knorrigen Astbildes so genannte „Elefantenbuche“ am „Ottersberg“, Stammumfang etwa 4,50 Meter, sogar als schützenswerten alten Baum in sein Forsteinrichtungswerk eintragen lassen.

Wuchsanomalien machen Bäume natürlich besonders interessant: beispielsweise am „Ottersberg“ eine Buche mit dicker, runder „Maserknolle“ (Gewebewucherung mitten im Stamm), der zum „Koffergriff“ geformte Ast an der Würzeberghütte oder die „Nadelöhrbuche“ am „Rodland“. Am bekanntesten ist aber die „Saubuche“ unweit von Ernsthausen am Rand des Burgwaldes, aus der deutlich ein Schweinekopf hervorzuspringen scheint. Willy Becker hat ihre unmittelbare Umgebung etwas freischneiden lassen, damit der Baum besser belichtet und auch sichtbarer wird. Das kann allerdings langfristig seinen allmählichen Zerfall nicht verhindern – die Pilzkörper des Zunderschwamms besiedeln längst das absterbende Holz.

Höchster Baum im Ernsthäuser Forstrevier ist aber eine vermutlich mehr als 45 Meter hohe Lärche – Stammumfang etwa 3,10 Meter – auf dem „Mühlenstrauch“, die die anderen Laubbäume weit überragt und schon von fern sichtbar ist. „Sie hat alle Orkane heil überstanden“, sagt der pensionierte Forstbeamte. „Aber irgendwann wird sie vielleicht ein Blitzschlag zerstören.“

Während er seine alten Baumriesen kontrolliert, geht sein Blick auch immer wieder auf den Waldboden. Aufgehäufte Tannenzapfen verraten, dass sich hier eine „Spechtschmiede“ im Geäst befindet, wo der Specht seine Zapfen einklemmt und aufknackt. Ein paar Schritte weiter hat eine Wildsau aus frisch abgeknickten Buchenästen einen Wurfkessel gebaut, das „Nest“ für ihre Frischlinge – zum Glück ist sie längst weiter gezogen, sonst könnte es für die Besucher hier ungemütlich werden ...

Mit der naturgemäßen Waldbewirtschaftung hat der früher von Menschenhand „geordnete“ Wald wieder stärker die ursprünglichen Konturen der Natur zurück gewonnen, wie das Biotop-Verbundsystem Burgwald an vielen Stellen sichtbar werden lässt. Die knorrigen Baumveteranen gehören dazu, und wer will, „kann mit ihnen“, wie Erich Kästner meinte, „wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um“.

Zwei Buchen am „Ottersberg“ sind in Stammhöhe zusammengewachsen und formten dieses Nadelöhr.

Nadelöhr: Zwei Buchen am „Ottersberg“ sind in Stammhöhe zusammengewachsen und formten dieses Nadelöhr.

Willy Becker lehnt an der imposanten Napoleonseiche.

Napoleonseiche: An diesem Baumriesen zogen nach 1800 schon die französischen Truppen im Burgwald vorbei. Heute nisten im toten Holz viele Höhlenbrüter.

In diesem vertrockneten Baum haben Spechte mehrere Höhlen angelegt.

Spechthöhlen: Spechte und andere Höhlenbrüter haben in diesem vertrockneten Baum ihre Nester eingerichtet. Deshalb wird er geschont.

Im Stamm dieser Buche befindet sich eine kugelförmige Wucherung.

Maserknolle: Eine Laune der Natur ließ das Gewebe des Baumes so wuchern, dass sich diese Riesenkugel bildete.

Willy Becker neben der Saubuche.

Saubuche: Zu den bekanntesten Baumpersönlichkeiten des Burgwaldes gehört die Saubuche bei Ernsthausen, aus der ein Schweinekopf herauszuragen scheint. Förster Willi Becker hat sie freischneiden lassen, um sie zu schützen.

Ein unten am Baum austretender Ast wächst weiter oben in den Stamm ein.

Koffergriff: Weil ein Ast wieder an einen Stamm angewachsen ist, entstand am Würzeberg dieses merkwürdige Bild.

Fotos

© Karl-Hermann Völker