Der Kleiber ist Vogel des Jahres 2006

Unablässig fliegen die zwei Vögel zwischen dem Haselnussbaum und dem Kirschbaum hin und her. Sie tragen Haselnüsse im Schnabel, klemmen sie in ein Loch im Ast eines Kirschbaums, um sie aufzuhacken und so an die leckeren Kerne zu gelangen. Im Garten meiner Eltern haben sie sich eine Kleiberschmiede eingerichtet.

Kleiner Akrobat

An dem schwarzen Streifen oberhalb der Augen und an der blaugrauen Ober- sowie der ockerfarbenen bis rostroten Unterseite ist er gut zu erkennen: der Kleiber, der Vogel des Jahres 2006. Er ist etwa 15 cm groß, der Körper wirkt gedrungen mit einem kurzem Hals und dem sehr kurzen Schwanz. Er hat einen sehr kräftigen Schnabel, den er beim Aufhacken von Kernen einsetzen kann.

Kleiber kopfüber an einem Ast

Typische Haltung: Kleiber mit gespreizten Beinen kopfüber an einem Ast

Der Kleiber ist der einzige Vogel in unserer Region, der an Baumstämmen sowohl hoch- als auch herunterlaufen kann. Dies ist möglich, weil sich seine Beine in der Mitte des Körpers befinden. So kann er auch von oben her an seine Nahrung wie Raupen und Insekten in den Ritzen der Stämme gelangen, an die die anderen Vögel nicht herankommen.

Fleißiger Arbeiter

Der Kleiber legt seine Bruthöhlen in Baumhöhlen oder abgelegten Spechtbauten an, auch Nistkästen nimmt er gerne an. Den Nesteingang mauert er mit Lehm zu – der übrigens keinen Speichel enthält –, so dass er gerade eben noch hindurchschlüpfen kann. Konkurrenten für das Nest wie die Stare müssen so draußen bleiben, auch Feinde werden so abgehalten.

Ein Kleiber vor dem Eingang der Bruthöhle, der mit Lehm und Speichel verklebt wurde.

Baumeister: Was zu groß ist, wird passend gemacht, dass nur er selbst noch durchpasst.

Das Nest kleidet er vorzugsweise mit Rindenstückchen (so genannter Spiegelrinde von Kiefern) aus, aber auch mit Holzstückchen, Haaren, Gras und Federn. Das Männchen schafft das Nistmaterial heran, während das Weibchen das Nest ausgestaltet. Oft sind weit über tausend Flüge notwendig, um die Behausung für die Jungen herzurichten. Ende April, Anfang Mai legen sie fünf bis neun weiße Eier mit rostroten Flecken, die sie 14 bis 18 Tage bebrüten. Die Jungen werden gut drei Wochen gefüttert.

Im Sommerhalbjahr nehmen Kleiber überwiegende tierische Nahrung zu sich: Insekten, Spinnen, Raupen und anderes Kleingetier. Auch der Nachwuchs wird vorwiegend mit diesem eiweißreichen Futter groß gezogen, damit er innerhalb eines Monats nach dem Schlüpfen erwachsen wird und selbstständig auf Nahrungssuche gehen kann. Im Winter ernähren sie sich auch von Samen, Nüssen und Bucheckern, auch am Futterhäuschen kann man sie häufiger antreffen.

Von Haus aus bevorzugt der Kleiber naturnahe Buchen- und Eichenwälder mit vielen großen, alten Bäumen, an denen er Nahrung und Brutraum findet. Er fühlt sich aber auch in Parks, Streuobstwiesen und in Gärten mit einem alten Baumbestand wohl, in dessen rissiger Rinde er nach Nahrung stochern kann. So ist er regelmäßiger Gast an zwei alten Birnbäumen im Garten des Autors, die eigentlich schon der Säge zum Opfer fallen sollten, aber dann doch stehen geblieben sind.

Arbeitsplatz Spechtschmiede

Im Gegensatz zu Papageien kann der Kleiber seine Nahrung nicht mit den Füßen festhalten, um sie zu bearbeiten. Daher ist er auf einen Trick verfallen. Wie die Spechte klemmt er Nüsse und andere Nahrungsstücke ein, um sie aufzuhacken und den leckeren Kern herauszuholen. Die Hackgeräusche können ihn verraten.

Haselnüsse eingeklemmt in Rasenrandsteinen

Die erste Schmiede wurde zwischen Beetrandsteinen am Rand einer Terasse angelegt. Weil sich die Kleiber gestört fühlten, suchten sie sich einen neuen Platz.

Astspalte mit Haselnüssen

In einer Spalte in einem älteren Kirschbaum wurden die Kleiber fündig. Hier konnten sie weiter an den Nüssen arbeiten, ohne von Menschen gestört zu werden. Diese Spalte hatte genau die richtige Größe, um die Nüsse einzuklemmen.

Kleiber hackt mit Schwung die Nussschalen auf.

Mit Schwung und vollem Körpereinsatz werden die Nussschalen aufgehackt.

Aufgehackte Haselnuss mit Loch in der Schale

Nachdem die harte Schale aufgehackt wurde, ist der leckere Kern der Lohn für die Mühe.

Links

Text und Fotos

Text unter Verwendung der angegebenen Quellen
Wikimedia Commons/FokusNaturCC BY-SA 3.0, Daniel Weisz (Copyrighted free use) und © Reinhold Tripp