Gerhard Berghöfer hält den toten Adler mit ausgebreiteten Schwingen zwischen seinen Armen

Retter kamen zu spät

Am Sonntagabend erreichte einen Ornithologen in Frankenberg ein Anruf aus Rosenthal-Roda. Der Anrufer erklärte, dass ein Mäusebussard mit einem Ring aus einem Fischteich nahe dem Sportplatz gefischt worden sei. Im Verlaufe des Gespräches kristallisierte sich heraus, dass der Bussard ein Fischadler sein musste. Vor Ort konnte kurz danach der Frankenberger seine Vermutung an dem leider verendeten Greifvogel bestätigen.

Als Fischadler konnte der Greif vor allem an seinem vorwiegend weißen Kopf mit einem Federschopf und der schwarzen Augenbinde identifiziert werden. Mit einer Spannweite von bis zu 170 Zentimetern ist er im Flug an seinen deutlich schmalen und leicht gewinkelten Flügeln zu erkennen. Als Nahrungsspezialist ernährt er sich vorwiegend von größeren Fischen. Diese erbeutet er im Stoßflug, wobei er mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 Kilometern pro Stunde senkrecht zum Wasser hinabstößt. Der etwa bussardgroße Vogel taucht dabei kurz ganz unter, um sich dann mit dem erbeuteten Fisch in den Fängen in die Luft zu erheben. Dass ein gegriffener Fisch überhaupt keine Chance zum Entkommen hat, zeigte sich deutlich an dem toten Vogel in Roda. Seine Krallen sind auffallend lang und sehr spitz, dazu noch halbkreisförmig gebogen und die unzähligen, kleinen Hornplatten oberhalb der Zehen weisen spitze Erhebungen auf. So kann ein sich windender, glitschiger Fisch von ihm unentrinnbar gehalten werden.

Fischadler sind "Kosmopoliten". Sie kommen überall auf der Erde in ihnen zusagenden Lebensräumen vor. In Europa sind sie vor allem an nördlichen Gewässern als Brutvögel anzutreffen. Unser Kreisgebiet passieren sie in der Regel nur auf dem Durchzug im Frühjahr und Herbst. Allerdings gibt es aus der Bevölkerung und aus Forstkreisen Hinweise, dass der Fischadler noch zu Brutzeiten zum Beispiel im Nemphetal und am Edersee gesichtet wurde. Hoffnungen auf eine Ansiedlung in unserer Region wurden mit dem Angebot einer Nisthilfe am Edersee unterstrichen. Das so späte Vorkommen eines Fischadlers bei Roda gibt ebenfalls Anlass über ein eventuelles Heimischwerden nachzudenken.

Der Fund des Fischadlers bei Roda ist nicht nur ein großer Zufall, sondern auch in zweierlei Hinsicht eine große, sehr bemerkenswerte Besonderheit. Der Vogel an sich ist schon eine Rarität. Der Ring, den er trug, gleicht einem wissenschaftlichen Triumpf, denn mit dessen Hilfe erhoffen sich norwegische Vogelberinger, heimische Ornithologen und die beiden Finder Gerhard Berghöfer und Willi Klinge (Roda) Aufschluss, über die Herkunft, das Alter, die Flugstrecke und das Geschlecht des Tieres. Gerhard Berghöfer und Willi Klinge sind Naturfreunde. Bei einem Spaziergang fanden sie den Greif offenbar noch lebend in einem privaten Fischteich, der mit Fäden gegen Graureiher gesichert war. Es war für beide schwierig, auf das umzäunte Teichgelände zu gelangen. Bis sie es geschafft hatten, war der Vogel, der sich offenbar in den Fäden verfangen hatte und so nicht wieder starten konnte, ertrunken. Nun liegt der Fund tief gefroren in einer Truhe. Der gut erhaltene Fischadler soll ausgestopft werden und als Anschauungsmaterial einer Schule überlassen werden.

Text und Fotos

© Gerhard Kalden