Forstamt Burgwald pflegt ökologisch wertvollen Sonderstandort am „Jammertal“

Ernsthausen. Weit sichtbare rotweiße Warnbanner sperrten in den vergangenen Tagen den von Wanderern sonst so beliebten Waldeingang am „Jammertal“ bei Ernsthausen. Schwere Maschinen waren hier am Rand des Burgwaldes im Einsatz, zogen mit Seilwinden-Unterstützung per Hand gefällte Fichten heraus und verarbeiteten ihr Holz mechanisch außerhalb eines ökologisch wertvollen Sonderstandortes: In früheren Jahrhunderten nutzten die Ernsthäuser dieses stets vom Hangwasser gut durchfeuchtete Waldgebiet, um in den „Flachslöchern“ (mundartlich: „Flöss-Löcher“) ihre Flachsstängel zu wässern („rösten“), bis sich die spinnbare Faser vom Kern löste.

Reinhold Cronau und Willy Becker mit einem fertigen Bündel Flachsgarn im Wald an den wassergefüllten Flachslöchern

Erinnerungen: Im Jahr 2008 trafen sich Revierförster Willy Becker und sein Forstwirt Reinhold Cronau an den damals noch gut sichtbaren, terrassenartig angelegten Flachslöchern. Cronau hatte einen Strang von fertig gesponnenem, „geweiftem“ Flachsgarn mitgebracht. Beide sind inzwischen verstorben.

Vor etwa zehn Jahren bereits hatte der damalige und inzwischen verstorbene Revierförster Willy Becker auf diesen auch kulturhistorisch außergewöhnlichen Sonderstandort mit terrassenartig angelegten Gruben hingewiesen und ihn in sein Forsteinrichtungswerk aufgenommen. Inzwischen wurde die dort natürlich wachsende Erlenwaldgesellschaft mit Schwarzerlen, Weiden, Pappel und Traubenkirsche zunehmend durch alte Fichten und Kiefern eingeengt, deren Nachkömmlinge die typische Bodenvegetation teilweise zurückdrängten oder ausdunkelten. In der Deckung der jungen Nadelbäume wurden außerdem zunehmend Garten- und sonstige Abfälle illegal entsorgt, wie die Forstbeamten beobachteten. Die Tümpel drohten zu verschwinden.

„Wir haben uns deshalb im Forstamt Burgwald zu einer Rück- und Weiterentwicklung dieses Nassstandortes hin zu seiner natürlichen Ausprägung entschlossen“, erklärte Förster Matthias Hupfeld. Es gelte die hohe ökologische Wertigkeit dieses Bereichs aktiv zu erhalten, um das Mosaik des Lebensraums Wald stärker in den Vordergrund treten zu lassen und Biotope miteinander zu vernetzen. „Das passiert vielerorts im Forstamt Burgwald im Rahmen der regulären Waldbewirtschaftung als Arten- und Biotopschutzmaßnahmen.“

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Einsatzbesprechung an der schweren Maschine: Um den Bestand an Altfichten aus dem nicht befahrbaren Feuchtgebiet „Flachslöcher“ zu entfernen, setzten (von links) der Forstbeamte Matthias Hupfeld und seine Mitarbeiter Matthias Stöber und Markus Frese einen Rückezug mit Seilwinde ein. Später wird dieses wertvolle Biotop von dem beliebten Wanderweg am „Jammertal“ aus gut einsehbar sein.

Unterstützung bekamen die Forstleute von interessierten Bürgern. Die Burschenschaft Ernsthausen entfernte die Fichtenjungwüchse und verwendete die entnommenen Bäumchen für das diesjährige Osterfeuer. Dann wurden die Altbäume, die auch den Wasserhaushalt negativ beeinträchtigten und das Feuchtbiotop mit ihrer Nadelstreu versauern ließen, von Forstwirten seilunterstützt gefällt und aufgearbeitet. „In der Fläche zurückgebliebene Fichtenäste werden in den nächsten Wochen in einer gemeinsamen Aktion von NABU-Umweltgruppe Burgwald und der Burschenschaft Ernsthausen beseitigt“, kündigte Revierförster Hupfeld an.

Die verbliebenen, natürlicherweise vorkommenden Laubgehölze sollen um weitere typische Arten wie Schwarzerle und die frühblühende, auch für Insekten und Vögel als Nahrungsquelle wertvolle Traubenkirsche ergänzt werden. Sie war im Burgwald bis auf Einzelrelikte fast verschwunden.

Hintergrund: Flachslöcher

Flachslöcher, wie die wassergefüllten Gruben hießen, waren früher in fast allen Gemeinden unserer Region Teil der bäuerlichen oder kleinhandwerklichen Textilherstellung. Der Weg vom Flachs zum Leinen, dem Aussteuer-Schatz der stolzen Hausfrau in der Bauerntruhe, begann an diesen Wasserlöchern. Dort wurden die gebündelten Flachsstängel versenkt, beschwert und zwei Wochen lang „geröstet“ (von rotten, faulen). Zu langes Rösten konnte die Fasern mürbe und unbrauchbar machen. Damit die Arbeitskräfte eines bäuerlichen Betriebes die eingeweichten Vorräte in der erforderlichen Geschwindigkeit aufarbeiten konnten, belegte man viele kleinere Gruben in gewissen Zeitabständen hintereinander – deshalb auch diese „Kette“ von Gruben bei Ernsthausen. Der vom Stängel gelöste Flachs wurde auf der Wiese, später auch gern im Dorfbackhaus getrocknet. Dann begann in den Häusern die Flachsbearbeitung an Breche, Schwingstock und Hechelkamm, bevor gesponnen werden konnte.

Text und Fotos

© Karl-Hermann Völker